Wang Shu Jin - Meister des Chi

Im Sommer des Jahres1968 reiste ich von Japan aus nach Taiwan, um die innere Kampfkunst des Ba-Gua-Meisters Wang Shu Jin kennen zu lernen, eines Meisters der damals von vielen als einer der besten Kämpfer der leeren Hand in Asien angesehen wurde.

Ich fand heraus, wo sich Wangs Schüler trafen, nämlich jeden Morgen um 5 Uhr 30 beim Amphitheater im Park von Taichung. Zu jener Zeit hielten sich sehr viele Menschen im Park auf, und sie übten dort alle möglichen Dinge, unter anderem Shaolin Gung Fu, Karatei, Tal Chi und Badminton. Einige machten, an den Ästen von Bäumen hängend, Streckübungen, manche gingen einfach spazieren, andere spielten Saxophon.

Ich war in den Anblick dieser surrealen Szene vertieft und machte mir so meine Gedanken über die Begegnung des alten Chinas mit dem Zwanzigsten Jahrhundert, als ich einen untersetzen Mann in einem weißen Schlafanzug mit zwei Vogelkäfigen in den Händen die Straße entlang auf uns zu watscheln sah. Es war Wang Shu Jin, ein rundlicher älterer Herr, der bei einer Körpergröße von etwa 1 Meter 55 gute 115 bis 135 Kilo mit sich herumtrug.

Meine Karate Fähigkeiten auf dem Prüfstand

Ich war damals 19 Jahre alt, ein anerkannter junger Karate-Champion, und ich hatte, wie es die Tradition verlangte, ein Geschenk mitgebracht, mit dem ich dem Meister gegenüber meine Hochachtung zum Ausdruck brachte: eine nicht unbeträchtliche Menge erstklassigen Ginsengs. Bei unserer ersten Begegnung zögerte Wang jedoch nicht, seine Geringschätzung für das Karate zum Ausdruck zu bringen. Er sagte mir klipp und klar:

"Karate ist nur geeignet, um gegen alte Frauen und Kinder zu kämpfen"

Da ich mich dem Karate-Training schon seit vielen Jahren gewidmet hatte und es damals meine größte Leidenschaft war, verletzte mich seine abfällige Bemerkung bis ins Mark. Doch ich musste meinen Unmut hinunterschlucken.

In unserem darauf folgende Sparring besiegte Wang mich bei jedem Durchgang und klopfte mir nach Belieben leicht auf alle Körperteile, um mir zu zeigen, wie mühelos er meine Verteidigung zu umgehen wusste. Obwohl ich mir die größte Mühe gab und trotz Wangs enormer Leibesfülle ermöglichte es ihm sein Ba Gua Chang, all meinen Schlägen mühelos auszuweichen und am Schluss immer hinter mir zu stehen.

Ich legte alle Kraft, die ich nur aufbringen konnte, in diese Schläge, aber sie richteten nicht mehr aus als die Schläge eines Dreijährigen. Ich trat ihm gegen die Knie und in die Leistengegend, ich schlug ihm gegen den Hals, auf die Ellbogen und die Rippen, ohne dass dies Wirkung zeigte. Wie viele Ba-Gua-Meister besaß er die Fähigkeit, Schläge zu absorbieren, ohne verletzt zu werden.

Als ich ihm gegen das Schienbein getreten hatte, tat mein Fuß noch lange danach weh. Als ich meine Faust in seinen Bauch hämmerte, fühlte es sich an, als hätte ich mir durch den Hieb das Handgelenk gebrochen.

Während des Sparrings klopfte Wang mir immer wieder auf den Kopf, um mir zu demonstrieren, wie leicht es für ihn gewesen wäre, mich zu vernichten. Einmal klopfte er mir tatsächlich nur leicht auf den Kopf, was mich aber augenblicklich zu Boden warf. Ich saß völlig verdattert auf der Erde und hatte das Gefühl, gerade einen starken Stromschlag bekommen zu haben.

Nach einer Weil wurde mir klar, dass meine beschränkten Fähigkeiten und meine Unfähigkeit, ihm weh zu tun, ihn zu langweilen begannen. Manchmal packte er mich mit den Armen und ließ mich, meine Füße in der Luft, drei- oder viermal wie ein Jojo vor und zurück von seinem Bauch abprallen. Anschließend schleuderte er mich zurück.

Später hörte ich, dass Wang in jungen Jahren während Herausforderungskämpfen auf dem Festland tatsächlich einigen Gegnern auf diese Weise die Wirbelsäule gebrochen hatte. Jahre später lernte ich von einem anderen Lehrer, dass die einzig mögliche Verteidigung gegen diese Technik darin bestand, sich zur Seite zu drehen, so dass man mit dem Hüftknochen und nicht mit dem Bauch auf seinen gefürchteten Bauch aufprallte. Gelang einem das nicht, dann war man geliefert.

Nachdem ich erst einmal Wangs aufschlussreichen, wenn auch ziemlich verblüffenden Fähigkeiten begegnet war, war ich natürlich versessen darauf, sein Ba Gua lernen. Er selbst hatte es bei Chang Chao-Tung gelernt, einem Schüler von Tung Hai Chuan, von dem es heißt, er habe das Ba Gua im späten neunzehnten Jahrhundert öffentlich zugänglich gemacht.

Wie Ich Wang's Schüler wurde

Bevor Wang mich als Schüler annahm, Beschloss er zu testen, wie ernst es mir war. In schroffem Tonfall wies er mich an, die Ba-Gua-Chang-Positur einzunehmen, die "Die Wildgans verlässt den Schwarm" genannt wird, und diese Positur beizubehalten, bis ich eine andere Anweisung erhielte.

Diese Positur verlangt, dass ein Bein bis auf Hüfthöhe angehoben wird, während der Oberkörper zu einer Seite hin gebogen ist und die Arme ausgestreckt sind. Ich nahm die Positur ein, wie er es verlangt hatte, und behielt sie Minute für Minute bei, wobei ich mehrere Male zusammenbrach. Jedes Mal schütteten Wangs Schüler sofort einen Eimer kaltes Wasser über mich aus und befahlen mir, die Positur wieder einzunehmen.

Nach zwei Stunden dieser Tortur willigte ein lächelnder Wang ein, mich als seinen Schüler anzunehmen. Was hatte Wang da auf die Probe gestellt? War es meine Hingabe, mein Vermögen, Härten zu ertragen, meine Ernsthaftigkeit oder meine Verrücktheit (das heißt meine Leidenschaft für die Kampfkunst)? Vielleicht war es ein Bisschen von alledem.

Wangs Fähigkeiten im Kampf waren einfach verblüffend. Trotz seines Alters und seines Gewichts war Wang unglaublich bebände, blitzschnell, bei bester Gesundheit und hatte unglaubliche körperliche Kraft. Im Westen nehmen wir an, dass ein Mensch, der dick ist, nicht fit sein kann, dass er ungeschickt und langsam und mit seiner eigenen Erscheinung unzufrieden sein muss. Wang war der beste Beweis dafür, dass dieser Stereotyp unzutreffend ist.

Er fühlte sich offenkundig ausgesprochen wohl in seiner Haut. Er nahm regelmäßig Herausforderungen der besten Kämpfer aus Japan und Südostasien zu Kämpfen mit Vollkontakt ohne jegliche Einschränkungen an, und er gewann sie immer. Noch in seinen Achtzigern konnte er die härtesten jungen Burschen schlagen.

Chi Entwicklung

An kalten Trainingstagen standen seine Schüler um ihn herum und wärmten sich an ihm die Hände, als sei er ein Ofen - ein Beweis für den erstaunlichen Grad seiner Chi-Entwicklung. Wang war der erste, der mir beibrachte, wie man das Chi dazu benutzen kann, ein hohes Maß an Gesundheit und Vitalität zu erreichen. Er zeigte mir auch, wie man das Chi benutzen kann, um Kraft für den Kampf zu erzeugen.

Wang besaß einen tiefen Glauben an das Chi.i Bei unserer ersten Begegnung sagte er zu mir:

"Ich kann mehr essen als du, ich kann mehr Sex haben als du, und ich kann besser kämpfen als du - aber du hältst dich für gesund. Nun, junger Mann, gesund sein, das heißt sehr viel mehr als nur jung sein. Es kommt allein drauf an, wie viel Chi du besitzt."

Seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen neunzehnjährigen Geist und führten dazu, dass sich meine westlichen Vorstellungen von dem, was die Wirklichkeit des Körpers ist und wie er funktioniert, grundlegend änderten. Wie sich später herausstellte war Wang auch in der daoistischen Meditation bewandert und war ein aktiver und kundiger Meister der daoistischen Praktiken der Arbeit mit der sexuellen Energie. Das waren Dinge, die er nur an wenige ausgewählte Schüler weitergab.

Seine Schüler waren selbst großartige Kämpfer. Das Ausmaß des Könnens seiner Schüler sagte vielleicht noch mehr über die Effektivität der inneren Künste als die Fähigkeit von Wang selbst. Es machte deutlich, dass Wang kein Übermensch war, sondern einfach über eine überlegene Kombination von Talent, Engagement und der Fähigkeit, ausgezeichnete Unterweisungen zu geben, verfügte.

Als ich begann, bei Wang zu üben, vermochten etliche seiner Schüler im Alter zwischen fünfzehn und siebzig Jahren mich windelweich zu prügeln. Ich konnte es einfach nicht glauben! Frauen wie Männer waren in der Lage, mich zu treffen, ohne meine Hiebe zu sich heranzuziehen. Im Kampf mit einer alten Frau dermaßen vorgeführt zu werden, war für einen stolzen neunzehnjährigen Karate-Champion nicht gerade leicht zu verkraften.

Einige der älteren Menschen trainierten erst seit ein paar Jahren bei Wang. Sie verprügelten mich an jenem ersten Tag so kräftig, dass ich am liebsten das Weite gesucht hätte. Ich weiß noch sehr gut, wie ich mich damals fragte, was sie wohl als nächstes tun würden: Würden sie mir wohl ein kleines Kind vor die Nase stellen, das mich dann verhauen würde?

Viele von Wangs Schülern hatten erst spät in ihrem Leben mit dem Training begonnen. Tatsächlich gehörte es zu den Spezialitäten von Wang, Menschen in ihren Fünfzigern und Sechzigern, die alle möglichen körperlichen Probleme hatten, als Schüler anzunehmen und sie gesund und stark zu machen.

Zu jener Zeit hatten ältere Menschen in Taiwan kaum Angst vor willkürlicher Gewalt, denn die Polizei griff bei Leuten, die ihnen etwas antaten, sehr hart durch. Deshalb kamen Wangs ältere Schüler ursprünglich auch nicht zu ihm, um Selbstverteidigung zu lernen.

Doch auch wenn diese älteren Schüler aus rein gesundheitlichen Gründen zu Wang gekommen waren, wurden sie doch zu guten Kämpfern, denn das Kampftraining gehörte einfach zu Wangs Programm.

Bagua: Ein Weg stark zu werden

In Taiwan sprach ich mit einigen Schülern von Wang, die in ihren Fünfzigern waren und die erst kürzlich ohne jede vorherige Kampfkunstpraxis mit der Übung von Ba Gua begonnen hatten. Sie waren zu Wang gekommen, weil sie impotent zu werden drohten oder weil sie unter einer chronischen Krankheit litten.

Nachdem sie mit der Übung von Ba Gua begonnen hatten, ging ihre Impotenz wieder zurück, und ihre Gesundheit, ihre Reflexe und ihre Geistesklarheit hatten beträchtlich zugenommen.

Ihre chronischen Krankheiten waren entweder gänzlich verschwunden oder hatten sich doch gebessert. Die Schüler von Wang waren ständig auf der Suche nach ihrem eigenen Chi und öffneten damit die Energiebahnen ihres Körpers. Sie pflegten zu versuchen, das Chi-Gefühl eines Schlages, den Wang ihnen versetzt hatte, in einer abgemilderten aber immer noch erstaunlichen Weise nachzuvollziehen.

Wang war ein Experte im Projizieren des Chi. Er vermochte eine enorme Kraft auszusenden, die andere Menschen deutlich spüren konnten und die manchmal sogar wehtat, auch wenn seine Hände sich erst in ganz kurzem Abstand von ihrem Körper zu bewegen begannen. Manchmal tippte er einem nur ganz leicht mit den Fingern auf die Brust, und wenn er sich entschloss, dabei ein wenig Chi zu projizieren, konnte er einen damit gegen die Wand schleudern oder einem solche Schmerzen zufügen, dass man glaubte, sterben zu müssen - und das, obwohl seine Hand sich dabei kaum um einen Zentimeter bewegte.

Dieses Vermögen, seine gesamte Kraft augenblicklich in einen einzigen Punkt zusammenzuführen, ist eine der Techniken, die im Ba Gua entwickelt werden.

Wenn man diese Methode erklärt, dann hört sich das sehr klinisch an, aber wenn jemand diese Theorie an Ihrem eigenen Körper anwendet, dann kann die Sache überaus erheiternd oder auch erschreckend werden. Wenn man Chi von dieser Stärke absorbiert, so kann sich das anfühlen wie ein angenehmer Windstoß, aber auch wie ein Blitzschlag. 

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Kenneth Lossing D.O.